Christian LevratInterview mit Christian Levrat

Der Freiburger Christian Levrat ist Ständerat und Präsident der SP Schweiz. Nach seinem Rechtsstudium in der Schweiz zog es ihn nach Leicester um Politikwissenschaften zu studieren. Im Jahr 2003 wurde er in den National- und im Jahr 2012 in den Ständerat gewählt. Herr Levrat setzt sich für starke Sozialwerke, die Energiewende und eine offene und gerechte Schweiz ein. Wir danken Christian Levrat an dieser Stelle für die ausführlichen Antworten und seine Zeit.

Advanon: Die Schweizer Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren bei einigen Initiativen nicht den Wünschen der grossen Wirtschaftsverbände entsprochen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz trotz traditioneller Nähe der Bevölkerung zur Wirtschaft?

Christian Levrat: Die Wirtschaftsverbände, insbesondere Economiesuisse, haben den Draht zur arbeitenden Bevölkerung verloren. 97 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter, sind also typische KMUs. Die grossen Wirtschaftsverbände bewegen sich jedoch nur im Dunstkreis der Grossunternehmen. Logisch, dass sie ihre Politik und ihre Kommunikation immer mehr nach den Grossbanken oder den Pharmariesen ausrichten. Die Bevölkerung erreichen sie damit jedoch nicht mehr.

Sehen Sie die gute Wettbewerbsposition der Schweiz durch diese Initiativen und v.a. deren Ergebnisse gefährdet?

C.L.: Die Einwanderungs-Initiative der SVP, die mit 50,1 Prozent angenommen wurde, ist tatsächlich ein Problem. Und zwar nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit. Mir macht die Tendenz zur politischen, wirtschaftlichen und geistigen Abschottung grosse Sorgen. Ein kleines Land wie die Schweiz ist auf Austausch angewiesen, es braucht von Zeit zu Zeit frischen Wind von aussen. Das gilt für Politik und Wirtschaft ebenso wie für Kultur und Wissenschaft. Wer meint, selbst alles besser zu wissen, wird schnell arrogant und verliert den Anschluss.

Unser Start-Up wurde von einem Schweden, einem Holländer und einem Schweiz gegründet. Wie soll argumentiert werden, dass die Schweiz nach wie vor die beste Wahl in Europa ist?

C.L.: Die Schweiz ist immer noch ein offenes Land und nur schon wegen seiner geographischen Lage in stetem Austausch mit Europa. Wir haben mit die besten Schulen und Universitäten in Europa. Der Service public (Infrastruktur, Verkehr, politische Stabilität) ist auf sehr hohem Niveau, die Lebensqualität wird in allen Rankings gelobt und Angst um die persönliche Sicherheit braucht man sich in der Schweiz kaum zu machen. Vieles davon ist jedoch gefährdet, wenn die rechten Parteien durchmarschieren: Bei der Bildung wird immer zuerst gespart; die Steuern für den Mittelstand werden erhöht zugunsten der Topverdiener; der Service public wird ausgedünnt und wie wenig die rechten Parteien von Umweltschutz halten, wissen wir ja leider schon lange.

Wir haben bislang gemerkt, dass bürokratische und langwierige Abläufe mit den Schweizer Behörden ein Problem sind. Insbesondere für junge Unternehmen ohne finanzielle Ressourcen kann dies zum Problem werden. Ist das ein Punkt auf Ihrer politischen Agenda und wenn ja, wie gehen Sie dagegen vor?

C.L.: Übermässige Bürokratie ist immer ein Ärgernis, ob für Unternehmensgründer oder für Privatpersonen. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz jedoch eine sehr schlanke und effiziente Verwaltung. Das ist gut und das soll auch so bleiben. Darum ist es kontraproduktiv, bei der Verwaltung und vor allem beim Personal von Bund, Kantonen und Gemeinden zu sparen, wie es die Bürgerlichen wollen. Wenn die Behörden die Aufgaben, die ihnen die Bürgerinnen und Bürger auf demokratischen Weg übertragen haben, erfüllen sollen, dann brauchen sie genügend Ressourcen.

Was geben Sie jungen Unternehmern mit auf den Weg? Können sie sich auf Sie als Sprachrohr für Start-Ups verlassen?

C.L.: Mut haben Sie mit der Unternehmensgründung schon bewiesen! Nun brauchen Sie Durchsetzungsvermögen und Beharrlichkeit. Und bleiben Sie unbequem und wagen Sie es, eigene Gedanken zu artikulieren. Es gibt nichts Schlimmeres als Jungunternehmer, die, kaum haben sie Erfolg, sprechen und sich verhalten wie die alte verfilzte Wirtschaftselite von früher. Glauben Sie nicht alles, was Economiesuisse und co. Ihnen vorkauen. Eine hohe Kaufkraft, eine ausgeglichene Einkommens- und Vermögensverteilung, gerechte Steuern ohne Privilegien für Reiche und Mächtige, Sicherheit und Stabilität, gut ausgebildete Arbeitnehmende, eine funktionierende Sozialpartnerschaft – das sind die wahren Stärken der Schweiz. Dafür setzt sich die SP ein. Weil ein guter Standort mehr ist als nur ein Steuerparadies.


Über Advanon

Gestartet im Juli 2015, ist Advanon die erste Online Plattform in der Schweiz, die es KMU erlaubt ihre Rechnungen online von Investoren finanzieren zu lassen. Durch das innovative Geschäftsmodell haben Unternehmen schneller und einfacher die Möglichkeit, ihre Finanzinformationen zur Verfügung zu stellen und somit das Risiko besser abzuschätzen. Das passionierte Team hat sich als Ziel gesetzt, den veralteten Factoring-Markt durch den Einsatz modernster Technologien zu revolutionieren. Dabei stehen Datenschutz und Qualitätsstandards immer im Vordergrund und sollen so dem Kunden höchste Komfortabilität bieten.

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Phil Lojacono

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