Interview mit Tim Guldimann, Nationalrat SP

Tim Guldimann ist Diplomat, Politikwissenschaftler und wie er sich in seinem Wahlkampf bezeichnet hat, „Internationalrat“. Er studierte in Zürich Volkswirtschaft und verbrachte seine Lehr- und Wanderjahre in Lateinamerika, Schweden, Deutschland, Russland, Frankreich und England. Seit 1982 war er im diplomatischen Dienst und in verschiedenen Einsätzen für die OSZE. Zwischen 2010 und 2015 war er schweizerischer Botschafter in Berlin und unterstützte 2014 als Ukrainebeauftragter die Friedensbemühungen des schweizerischen OSZE-Vorsitzes. Seit 2015 vertritt er die SP Schweiz im Nationalrat.

Advanon hatte die Möglichkeit mit Nationalrat Guldimann über die Schweiz als Unternehmensstandort und die Möglichkeiten für Jungunternehmen zu reden:

Die Schweizer Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren bei einigen Initiativen nicht den Wünschen der grossen Wirtschaftsverbände entsprochen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz trotz traditioneller Nähe der Bevölkerung zur Wirtschaft?

Tim Guldimann: Es gibt nicht DIE Wirtschaft. Es sind mehrere Sektoren und ihre Verbände, die sich untereinander jeweils auch nicht einig sind, vor allem was unsere Beziehungen zur EU betrifft. Und in dieser Frage haben Bundesrat und Verwaltung die wachsende Betroffenheit in der Bevölkerung über die hohe Zuwanderung nicht ernst genommen. Sie führte zu einem Heimatverlust. Die Personenfreizügigkeit förderte zwar das Wirtschaftswachstum, von dem aber bei weitem nicht alle profitierten.

Sehen Sie die gute Wettbewerbsposition der Schweiz durch diese Initiativen und v.a. deren Ergebnisse gefährdet?

T.G.: Ja, ganz bestimmt! Meiner Meinung nach gibt es momentan drei Gruppierungen: die Abschottungspatrioten, die Wirtschaftsliberalen und die politisch Weltoffenen auf der links-liberalen Seite. Gefährlich ist die heutige Allianz der ersten zwei Gruppen, die dafür die Europafrage ausklammern. Konkret geht es darum, gemeinsam folgende Illusion zu pflegen: Der Bundesrat will – wenn, wie absehbar, die einvernehmliche Lösung mit Brüssel nicht funktioniert – eine einseitige Schutzklausel einführen. Damit soll der Bilateralismus gerettet werden. Das funktioniert nicht! Dieses Batze&Weggli-Denken, Masseneinwanderungsinitiative und Bilaterale seien vereinbar, ist der Kitt der SVP-FDP-Allianz. Je früher dieser Schwindel auf den Tisch kommt, desto rascher kann das eigentliche Problem angegangen werden: Entweder wir ersetzen Art. 121a in der Verfassung mit einer bilateralen Perspektive oder wir laufen in eine Blockade mit der EU, was sehr bald die Rahmenbedingungen für den erfolgreichen Wirtschaftsstandort zerstört. Das führt zum Abstieg in die B-Liga der europäischen Industriestaaten.

Unser Start-Up wurde von einem Schweden, einem Holländer und einem Schweizer gegründet. Wie soll ich meinen beiden Kollegen erklären, dass die Schweiz nach wie vor die beste Wahl in Europa ist?

T.G.: Die wachsende Zahl von vor allem rechtspopulistischen Verfassungsinitiativen in den letzten Jahren verunsichert die Rahmenbedingungen des Produktionssstandortes Schweiz. Nur wenn die politische Unsicherheit geklärt werden kann, kann die Schweiz weiterhin zu den wettbewerbsfähigsten Ländern gehören. Wenn nicht, wird’s schwierig gute Argumente zu finden…

Während wir bei der Zusammenarbeit mit der FINMA sehr gute Verbesserungen sahen, sind Abläufe und Prozesse mit anderen Schweizer Behörden immer noch sehr ineffizient und bürokratisch. Insbesondere für junge Unternehmen ohne finanzielle Ressourcen kann dies schwierig sein. Ist das ein Punkt auf Ihrer politischen Agenda und wenn ja, wie gehen Sie dagegen vor?

T.G.: Auf meiner direkten politischen Agenda ist es nicht, aber ich bin auch nicht verschlossen gegenüber solchen Themen. Ich sehe aber in der Bürokratie nicht das grösste Problem, sie agiert auch sehr unterschiedlich von Kanton zu Kanton. In jedem Fall brauchen Unternehmen Berechenbarkeit, alles andere ist lösbar. Das heisst, es ist heute viel wichtiger, strukturierte Rahmenbedingungen zu sichern, als seitens der Wirtschaft einfach zuzuschauen, was in der Politik passiert, anstatt sich für die Rettung der Bilateralen einzusetzen.

Was geben Sie jungen Unternehmern mit auf den Weg? Können sie sich auf Sie als Sprachrohr für Start-Ups verlassen?

T.G.: Seien Sie weiter innovativ und lassen Sie sich nicht entmutigen. Der Fokus der Schweiz muss auf der Innovationskraft liegen, die Kostenreduktion allein ist die falsche Strategie – da müssen Jungunternehmen ansetzen. Aber vor allem braucht es auch von den Jungunternehmern ein politisches Engagement, wenn es darum geht, die Zukunft des Produktionsstandortes Schweiz zu sichern.

 


Über Advanon: Gestartet im Juli 2015, ist Advanon die erste Online Plattform in der Schweiz, die es KMU erlaubt ihre Rechnungen online vorfinanzieren zu lassen. Durch das innovative Geschäftsmodell haben Unternehmen schneller und einfacher die Möglichkeit, ihre Finanzinformationen zur Verfügung zu stellen und somit das Risiko besser abzuschätzen. Das passionierte Team hat sich als Ziel gesetzt, den veralteten Factoring-Markt durch den Einsatz modernster Technologien zu revolutionieren. Dabei stehen Datenschutz und Qualitätsstandards immer im Vordergrund und sollen so dem Kunden höchste Komfortabilität bieten.

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Phil Lojacono

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