Nationalrat Schildert

“Ob der Staat einspringen kann und soll, ist eine umstrittene Frage. Ich plädiere für Zurückhaltung.” –

Im heutigen Interview stellen wir Ihnen Louis Schelbert vor. Herr Schelbert ist seit 2006 im Nationalrat für die Grüne, Mitglied der Kommission Wirtschaft und Abgaben (WAK) und seit 2015 auch Mitglied der Geschäftsprüfungskommission (GPK) und der Gerichtskommission (GK). Er setzt sich für eine soziale und umweltgerechte Veränderung der Schweiz ein.

 

Advanon: Die Schweizer Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren bei einigen Initiativen nicht den Wünschen der grossen Wirtschaftsverbände entsprochen. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz trotz traditioneller Nähe der Bevölkerung zur Wirtschaft?

Louis Schelbert: Die Erklärung sehe ich gerade umgekehrt: Mit der fehlenden Nähe von Wirtschaftsverbänden zur Bevölkerung. Ich denke zum Beispiel an die AHV (2004) und an die zweite Säule (2010). Zwei krasse Niederlagen für diese Verbände: Mit den Vorlagen waren Rentenkürzungen verbunden. Wer die Situation von RentnerInnen kennt, fasst keine solchen Beschlüsse. Ein anderes Beispiel ist die Einwanderungsinitiative der SVP (2014): Zu lange wurden zu viele Menschen in der Schweiz aussen vor gelassen. Erst nach dem Ja kommt zaghaft etwas Bewegung: für die 50+, für den Wiedereinstieg der Frauen, für Nachholbildung etc..

Advanon: Sehen Sie die gute Wettbewerbsposition der Schweiz durch diese Initiativen und v.a. deren Ergebnisse gefährdet?

L.S.: Das muss nicht sein. Die Schweiz hat nach wie vor gute Voraussetzungen. Generell gilt: Geht eine Tür zu, öffnet sich in der Regel eine andere. Umgemünzt auf die obigen zwei Beispiele:  Bei den Sozialversicherungen gibt es mit der Altersvorsorge 2020 neue Chancen. Der Ständerat hat sie genutzt. Ob das dem Nationalrat in der neuen Zusammensetzung auch gelingt, wird sich zeigen. Wenn nicht eine mehrheitsfähige Lösung gefunden wird, ist das Scheitern programmiert. Auch bei der Einwanderung stehen noch viele Entscheidungen mit neuen Chancen offen. Es wird aber langsam Zeit, sie zu fassen; denn Unsicherheit ist ein grosser Feind der guten Wettbewerbsposition.

Advanon: Unser Start-Up wurde von einem Schweden, einem Holländer und mir (Schweizer) gegründet. Wie soll ich meinen beiden Kollegen erklären, dass die Schweiz nach wie vor die beste Wahl in Europa ist (wovon ich natürlich überzeugt bin)?

L.S.: Die Schweiz hat viele Vorteile: Sie ist international bestens vernetzt, hat viele gut ausgebildete Arbeitskräfte, grosse politische Stabilität, sozialen Frieden, erstklassige Infrastrukturen, ein vielfältiges Kulturangebot und ein Steuerklima, das Luft zum Atmen lässt.

Advanon: Wir haben bislang gemerkt, dass bürokratische und langwierige Abläufe mit den Schweizer Behörden ein Problem sind. Insbesondere für junge Unternehmen ohne finanzielle Ressourcen kann dies zum Problem werden. Ist das ein Punkt auf Ihrer polititschen Agenda und wenn ja, wie gehen Sie dagegen vor?

L.S.: Das Parlament hat im Rahmen der Standortförderung einen Kredit bewilligt, der die Einrichtung eines „One-Stop-Shops” erlaubt. Das ist für alle Unternehmen von grossen Interesse.  Zweitens: Die WAK des Nationalrats hat gerade erst ein Hearing mit einer Reihe von Vertreterinnen und Vertretern von Start-ups durchgeführt. Unter anderem wurde klar, dass der Zugang zu Kapital mittlerweile einfacher geworden ist. In meinen Augen wurde von den Eingeladenen der Fokus etwas zu sehr auf die Steuern gelegt. Die Aufarbeitung wird in der Kommission erst noch erfolgen. Drittens: Kurz vorher hat der BR auf Verlangen der WAK neue Vorschläge zum Bürokratieabbau unterbrietet.

Advanon: Was geben Sie jungen Unternehmern mit auf den Weg? Können sie sich auf Sie als Sprachrohr für Start-Ups verlassen?

L.S.: Wer eine gute Idee und den Mut hat, sich an die Umsetzung zu machen, verdient Unterstützung. Ob der Staat einspringen kann und soll, ist eine umstrittene Frage. Ich plädiere für Zurückhaltung. Sicher ist es möglich, bei der Definition von Rahmenbedingungen die Interessen von Start-ups besser ins Auge zu fassen. Als deren Sprachrohr verstehe ich mich nicht, hingegen bin ich offen, mir die Anliegen anzuhören und an konkreten Lösungen mitzuarbeiten.


Über Advanon: Gestartet im Juli 2015, ist Advanon die erste Online Plattform in der Schweiz, die es KMU erlaubt ihre Rechnungen online von Privatinvestoren vorfinanzieren zu lassen. Durch das innovative Geschäftsmodell haben Unternehmen schneller und einfacher die Möglichkeit, ihre Finanzinformationen zur Verfügung zu stellen und somit das Risiko besser abzuschätzen. Das passionierte Team hat sich als Ziel gesetzt, den veralteten Factoring-Markt durch den Einsatz modernster Technologien zu revolutionieren. Dabei stehen Datenschutz und Qualitätsstandards immer im Vordergrund und sollen so dem Kunden höchste Komfortabilität bieten.

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Stijn Pieper

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